gerade gelesen

Wein & Krieg

Verfasst von Hagen Graf am 9. August 2010 - 9:44

Im Juni 1940 kapitulierte Frankreich. Die deutsche Besatzung begann auf ausdrücklichen Befehl Hitlers, die wertvollsten Weine, Champagner und andere Spirituosen nach Deutschland zu transportieren.

Das Buch beschreibt, wie die Franzosen ihre Weine vor der deutschen Besatzung zu retten versuchen: Eisenbahner ließen ganze Züge mit Weinlieferungen im Nichts verschwinden, edle Tropfen wurden eingemauert, etc.

Die Story beginnt mit einer Beschreibung, wie der damals 23 jährige Franzose Bernhard de Nonancourt am 4. Mai 1945 in Berchtesgaden "Hitlers Weinkeller" auf dem Berghof entdeckt. 500.000 Flaschen der besten Weine aller Zeiten, Châteaux Lafite- und Mouton-Rothschild, Château Latour, Château d'Yquem und Romanée-Conti, seltene Portweine und Cognacs und hunderte Flaschen 1928er Champagner der Marke Salon.

Danach kommen 300 Seiten teilweise atemberaubende Stories über die Deutschen, die den frz. Wein haben und die Franzosen, die das verhindern wollten. Das Buch beruht auf Aussagen von Zeitzeugen und wirft Schlaglichter auf einzelne Ereignisse. Es ist interessant zu lesen und für mich ist es ein guter Streifzug durch die frz. Geschichte des Weines.

Hier ein Interview mit den beiden Autoren Don & Petie Kladstrup.

"Opa erzählt vom Krieg".

Ich meine das positiv.

Peter Scholl-Latour ist 1924 geboren (also 86 Jahre alt!) und skizziert mal eben die These, das das Zeitalter des "Weissen Mannes" zu Ende geht.

Zum heutigen Journalismus zitiert er einen Herrn Chimelli: "Die ausführliche Berichterstattung komplizierter Sachverhalte ist dem Nachrichtenkonsumenten meist nicht zuzumuten."

Derart gerüstet erwartet den Leser ein atemberaubendes "Big Picture" der Welt im Allgemeinen und verschiedenen Brennpunkten im Besonderen (Ost-Timor, Indonesien, Ozeanien, Philipinen, Kirgisien, Kasachstan, China, Brasilien und viele jeweils angrenzende Länder). Der Niedergang des "weissen Mannes" wird am Beispiel der Kolonialmacht Portugal dargestellt. Der roten Faden beginnt in Ost-Timor und endet in Brasilien.

Karl - Paul Sahner

Verfasst von Hagen Graf am 23. February 2010 - 9:01

Ein Autor, Paul Sahner, der sich aus Verzweiflung über seinen 60sten Geburtstag einen Porsche kauft (in himmelblau) schreibt ein Buch über Karl Lagerfeld. Es ist diese Sorte Buch, die sehr schwer ist und dessen Inhalt auf Hochglanzpapier gedruckt ist. Jedes Kapitel hat eine toll layoutete Aufmacherseite. Es riecht nach Luxusbuch und all das mag ich nicht so wirklich. Ich quäle mich ein wenig durch den Anfang, finde dann aber Gefallen an dem inhaltlichen Konzept. Paul Sahner kennt Karl Lagerfeld scheinbar recht lange und erzählt dessen Geschichte. Zwischendurch streut er immer wieder Zitate von Karl ein, die scheinbar aus öffentlichen Interviews stammen. Teilweise gibt es auch Interviews zwischen Sahner und Lagerfeld. Es kommt mir vor wie eine Sammlung von Artikeln aus Illustrierten (Sahner arbeitet in der Chefredaktion der Zeitschrift Die Bunte) vor.

Zu sehen - Lily Brett

Verfasst von Hagen Graf am 12. December 2009 - 22:14

Christine las dieses Buch und war gerade fertig als ich das Bin Laden Buch durch hatte.
Wir tauschten die Bücher und sie fragte noch ... "Na, ob dir das gefällt?".
Es gefiel mir.
Die Story ist schon cool.
Lily hat eine ziemlich komplizierte Vergangenheit: geboren 1946 in Deutschland, Eltern jüdische KZ Überlebende, die im KZ getrennt wurden und sich nach dem Krieg wiedergefunden haben, aufgewachsen in Australien, Journalistin in der Musikbranche, ausgewandert in die USA, verheiratet mit einem Maler (David Rankin), Mutter und Stiefmutter ... na und so weiter.
Sie hat in ihrem Leben diverse Analysen hinter sich und schreibt sehr ehrlich über sich. Sie zieht sich quasi völlig aus und lässt den Leser an Ihren Gedanken teilhaben.
Das Buch ist einfach nur spannend und ich habe es fast in einem Rutsch durchgelesen.
Manchmal denke ich beim Lesen "Oh man, diese Tucke, die stellt sich aber auch an". Manchmal muss ich laut auflachen über Ihre Erlebnisse weil ich sie so gut nachvollziehen kann. Manchmal fühle ich mich ertappt, weil ich genauso schräg denke und manchmal bekomme ich bei ihren kurzen Berichten über die KZ Erlebnisse Ihrer Eltern eine Gänsehaut .

Die Bin Ladens: Eine arabische Familie - Steve Coll

Verfasst von Hagen Graf am 12. December 2009 - 17:55

Ein Dickes Buch. Ich hab es mir gekauft im Bahnhofsbuchladen in Frankfurt. Toller Laden übrigens.

Ich sehe das Bild mit den Flugzeugen auf dem Cover und denke daran, wie es so war - am 11.09.01. Ich unterrichtete damals online eine grössere Gruppe. Im Chat las ich über den Flugzeugabsturz und hielt es für einen Witz. Ich setzte meinen Unterricht fort. Dann hatten wir eine Pause und ich sass mit mit allen, die gerade bei uns im Hause waren (Meine Frau, zwei Töchter, mein Vater) fassungslos vor dem Fernseher. Der stand damals im Schlafzimmer, jetzt haben wir gar keinen mehr :-). Unsere Überzeugung war nach ein paar Minuten, dass es Krieg geben wird. Irgendwo auf der Welt werden die Amerikaner Krieg führen.

Das ging mir in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf als ich das Buch in die Hand nahm. Es handelt nicht "nur" von Osama Bin Laden, sondern von seiner Familie.

Das Buch ist eine Biografie von Marion Döhnhoff (Gräfin Döhnhoff), geschrieben von Alice Schwarzer.

Ich kenne Alice Schwarzer von früher (70,80er Jahre) als Feindbild vieler Leute, die 10-20 Jahre älter waren als ich. Ich fand ihre Ansichten und ihr Auftreten manchmal etwas weltfremd aber irgendwie ist/war sie ein Typ, also jemand, den ich ernst nahm/nehme.

Marion Döhnhoff kam in meinem Leben eher nicht vor. 1968 war ich noch ein Kind (Frau Dönhoff war damals schon 59 Jahre alt). Die Wochenzeitung Die Zeit ist mir erst aufgefallen nach der Ära Helmut Schmidt. Der Name Dönhoff geisterte allerdings oft durch die Medien und für mich war Sie so etwas wie eine alte weise und gute Frau. Hier ein paar über Frau Döhnhoff - Wikipedia: Marion Gräfin Dönhoff

Das Alice Schwarzer eine Biographie über sie schreibt, finde ich gut. Immerhin sind sie beide außergewöhnliche Frauen und beide haben eine recht spezielle Geschichte.
Die Geschichte von Marion Dönhoff umfasst zwei Weltkriege, die Arbeit im Widerstand gegen das Naziregime und eine atemberaubende Nachkriegskarriere. Sie gilt als eine der wichtigsten Journalistinnen der bundesdeutschen Nachkriegszeit.

Was gefällt mir gut am Buch?

Es bedarf schon einiger Geduld und nicht nachlassenden Interesses diese beispielhafte Schilderung lateinamerikanischer Diktatoren zu lesen. Beschrieben wird nicht ein einzelner Diktator, sondern viel mehr die Essenz diktatorischen Verhaltens vom Aufstieg zur Macht über den Machterhalt bis zum Ende durch den Tod, und, wie externe politische Kräfte damit umgehen.

Dabei ist die literarische Form sehr ungewöhnlich. Es gibt kaum Abschnitte, keine Dialoge oder dergleichen und der längste Satz dieses Buches endet nach 51 Seiten. Aber es ist genial.

Hier meine Lieblingszitate daraus:

Die Armen, sie werden immer und ewig am Arsch sein, daß, wenn eines Tages Scheiße einen Marktwert hat, die Armen ohne Arschloch geboren werden.
Man lebt nicht, man überlebt und lernt zu spät, daß sogar die ausgedehntesten und nützlichsten Leben nicht für mehr ausreichen als fürs Erlernen des Lebens.
Die Lüge ist bequemer als der Zweifel, nützlicher als die Liebe, dauerhafter als die Wahrheit.

Gestatten: Elite - Julia Friedrichs

Verfasst von Hagen Graf am 19. May 2009 - 7:32

"Auf den Spuren der Mächtigen von morgen" bereist Julia Friedrichs ein Jahr Elite Schulen um zu erfahren, was denn so dran ist an dem Begriff "Elite".

Die Stationen sind:

Sie berichtet unter anderem von zwei Communities reicher-als-du.de (nicht mehr online) und schwarzekarte.de die nur über Einladungen funktionieren. Beide sind mittlerweile wohl überlaufen und nicht mehr mit "nur Elite Usern". Ich probiere mal die Schwarze Karte und beantrage einen Account. Ich habe ähnliche Probleme wie Julia, da ich nicht mal meine Kleidermarke kenne, geschweige denn auf eine Marke fixiert bin. Ich erfinde einfach die Marke Perpinya. Der Rest meiner Antworten ist wohl dann doch ausreichend. Nach 30 Minuten erhalte ich eine Bestätigungsmail.

Mir gefällt das Buch. Julia Friedrichs beschreibt die Schulen, die Stimmungen und ihre Eindrücke sehr gut. Sie vergleicht auch oft ihren eigenen Lebensweg, ihre Wohnsituation, ihre Träume, Hoffnungen und Schwierigkeiten mit denen der Interviewpartner, die sie in den Schulen antrifft. Dadurch erhält das Buch einen sehr authentischen und vor allem ehrlichen Anstrich. Es ist gut für Jugendliche, die aus einer "verträumten Puschelwelt" kommen. Sie werden von Julia sehr nett abgeholt :-)

Was Julia erlebt, habe ich in Teilen so nach und nach als Papa von vier Töchtern auch mitbekommen und das Buch war wie eine Bestätigung dessen, was ich in den letzten 15 Jahren erlebt habe.

Inhalt abgleichen