Ein kurzer Blick in die Geschichte

Während die Firma Sun in den neunziger Jahren behauptete: „Der Computer ist das Netz“, wollte die Firma Microsoft erst ruhen, wenn auf jedem Schreibtisch ein Computer mit Windows steht. Dieser Teil der Geschichte hat sich erfüllt. Microsoft könnte „ruhen“ und sucht auch tatsächlich aktiv nach neuen Märkten und Produkten.
Der Rechner, um den es Microsoft ging, war immer eine Mixtur aus Datendateien und Binärdateien. Die Dateien mit den binären Inhalten nennt man Programme. Sie wurden von den Kunden gekauft und installiert, um damit die Daten bearbeiten zu können. Microsoft Office erlebte einen Siegeszug durch die meisten Büros dieser Welt.
Der Rechner, um den es der Firma Sun ging, war eher ein Dumb Tube. Ein billiges, dummes Endgerät mit einem Bildschirm, einer Tastatur, einer Maus und einem Zugang ins Internet. Die Programme und die Daten sollten sich nicht auf diesem Rechner befinden, sondern irgendwo im Netz.
Die Philosophie von Microsoft tendierte also mehr in die Richtung meines, die Philosophie von Sun mehr in die Richtung unser.
Die Triebfedern dieser Philosophien waren in beiden Fällen wirtschaftliches Interesse. Microsoft verkaufte in erster Linie im Konsumentenbereich Software für PC, Sun dagegen im Unternehmensumfeld Server-Hardware und die passenden Programme dazu.
Mitte der neunziger Jahre erfolgte die explosionsartige Verbreitung des eigentlich schon in den sechziger Jahren erfundenen Internets unter anderem durch HTML (Hyper Text Markup Language, die Sprache, in der Webseiten geschrieben werden) und die Entwicklung von Webservern und Webclients (Browsern).
Das Internet selbst ist nur ein Satz von Spielregeln, der von verschiedenen Geräten verstanden und so geschickt kombiniert werden kann, dass dieses Netz in kürzester Zeit den gesamten Planeten überzog.
Ohne eine E-Mail-Adresse war der einzelne Mensch nicht erreichbar, und ohne eine Website war eine Firma nicht nur altmodisch, sondern in den Augen vieler Kunden nicht mehr existent. Die ganze Welt drängelte also in kurzer Zeit in dieses Netz, um ein Teil davon zu werden. Filme wie Matrix1 wurden Kassenschlager, und 19842 von George Orwell wurde erfolgreich verdrängt.
Die, die es gewohnt waren, Programme zu kaufen, kauften HTML-Editoren und erstellten damit Internetseiten. Die anderen schrieben den HTML-Code meist lieber gleich selbst in einem ohnehin vorhandenen Texteditor. Die Webagentur war geboren, bei der man Websites in Auftrag geben konnte.
Beide Gruppen hatten allerdings das Problem, dass HTML-Seiten statisch sind. Um den Inhalt der Seite zu ändern, muss man sie am heimischen PC bearbeiten und danach wieder auf den Server kopieren.
Das war nicht nur unbequem und teuer, damit waren auch Webauftritte wie eBay oder Amazon unmöglich.
Beide Gruppen fanden mehr oder weniger gute Lösungen für das Problem.
In der meines-Fraktion entstanden schnell binäre Programme, mit denen man HTML-Seiten erzeugen konnte und diese dann per automatisiertem Verfahren auf den Server lud. In die Seiten wurden interaktive Elemente wie Besucherzähler u.Ä. eingebaut.
Die unser-Fraktion entdeckte Java Applets und damit die Möglichkeit, ein Programm zu schreiben, das zentral auf einem Server liegt und über einen Browser bedienbar ist. Auf dieser Lösung beruhten ganze Geschäftsideen wie Online-Broking und Flugbuchungskonzepte.
Beide Gruppen versuchten auf verschiedene Arten, ihre Marktanteile auszubauen. Das Ergebnis war ein recht stabiler Markt für beide, in dem »Religionskämpfe« über das richtige Betriebssystem (Windows, Linux, Mac OS X) ständig die Versionsnummern der Programme hochtrieben und sich die Kunden daran gewöhnten, dass das alles nicht so einfach ist.
In solchen Situationen gibt es immer einen dritten Weg. In unserem Fall ist das unter anderem die Entstehung von Open Source-Scriptsprachen wie PHP3. Rasmus Lerdorf hatte das Ziel, seine Homepage mit interaktiven Elementen zu versehen, und heraus kam eine neue Programmiersprache. PHP wurde von Anfang an optimiert auf die perfekte Zusammenarbeit mit der Datenbank MySQL, die ebenfalls unter der GNU/GPL4 stand.
Glücklicherweise gab es das Betriebssystem Linux und einen Webserver namens Apache, die die benötigte Infrastruktur auf dem Server boten. Das Anzeigemedium beim Kunden war der Browser, der mit Sicherheit vorhanden war. LAMP (Linux, Apache, MySQL, PHP) wurde bald das Synonym für datenbankgestützte, interaktive Auftritte im Internet.
Wie in einem kreativen Rausch entstanden verschiedenste Systeme, die es ermöglichten, Inhalte nur mithilfe eines Browsers zu organisieren, wie Forenseiten, Communities, Online-Shops, Voting-Seiten und ähnliche Dinge.
Nach den »harten« Sachen wie Linux und Apache entstanden nun die »weichen« Produkte.
Die neunziger Jahre neigten sich dem Ende zu, die Internetaktienblase platzte, und plötzlich kam es darauf an, ganz klassische Geschäftsmodelle mit ganz klassischen Methoden zu etablieren.
Immer wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, schaut sie auf die Kosten und überlegt, ob es Möglichkeiten gibt, diese zu senken. Es gab und gibt zahlreiche Möglichkeiten!
Die PHP-Anwendungen, die es damals gab, hatten Verbreitungszahlen, die in die Millionen gingen. Als Beispiele seien hier nur die Projekte phpBB5 und phpMyAdmin6 genannt. Das eine hat sich zum Quasistandard für Foren-Software entwickelt, das andere als Standard für das Bearbeiten von MySQL-Datenbanken per Webinterface.
Der Quellcode der Sprache PHP selbst und der Quellcode der Anwendungen wurde durch die enorme Zahl von Nutzern und Entwicklern immer schneller immer besser. Je offener ein Projekt gestaltet wurde, desto erfolgreicher wurde es.
Einzelne Gurus konnten Unternehmen in kürzester Zeit immense Kosten sparen.
Statische HTML-Seiten galten als alt, teuer und überholt. Dynamisch musste es sein! In diesem Umfeld bewegen wir uns jetzt seit einem Jahrzehnt. Linux, Apache, MySQL und PHP sind in der Industrie akzeptiert. Die Suche nach professionell verwertbaren PHP-Anwendungen begann.
Bei dieser Suche schaut man auf:

  • Eine einfache Installation
  • Eine gute Wartbarkeit des Quellcodes
  • Die Sicherheit des Quellcodes
  • Die Benutzerfreundlichkeit
  • Die einfache Erweiterbarkeit
  • Die einfache Entwicklung
  • Die einfache Einarbeitung für neue Entwickler
  • Standardisierte Schnittstellen zu anderen Programmen
  • Die Kosten
  • Die Unabhängigkeit vom Lieferanten

Der besondere Vorteil von PHP-Anwendungen ist die Unabhängigkeit von Hardware und Betriebssystem. LAMP existiert auch als WAMP für Windows, MAMP für den Apple und auf zahlreichen anderen Plattformen.
Und jetzt kommt endlich Joomla! ins Spiel.
Joomla! – wie kam es dazu?
Die australische Firma Miro7 entwickelte im Jahre 2001 ein Content Management System namens Mambo. Sie stellte dieses System als Open Source-Software zur Verfügung, um es auszutesten und für eine weite Verbreitung zu sorgen. Im Jahre 2002 spaltete die Firma ihr Produkt Mambo in eine kommerzielle und eine Open Source-Version. Die kommerzielle Variante nannte man Mambo CMS, die Open Source-Version Mambo Open Source oder kurz MOS. Ende 2004 haben sich alle Beteiligten darauf geeinigt, dass MOS ganz offiziell Mambo genannt werden darf und dass man gemeinsam eine erfolgreiche Zukunft für das sich damals am schnellsten entwickelnde CMS gestaltet.
Die Vorteile der kommerziellen Variante lagen für Firmen in erster Linie in der erhöhten Sicherheit und in der Tatsache, dass sie die Firma Miro als Ansprechpartner hatten, die auch die weitere Entwicklung unterstützen würde.
Die Vorteile der Open Source-Version sind, dass sie »frei« ist und dass eine riesige Gemeinde von Benutzern und Entwicklern für eine zügige Weiterentwicklung sorgt. Außerdem ist es für Unternehmen natürlich möglich, Mambo als Basis zu nehmen und darauf aufbauend eigene Lösungen zu entwickeln.
Im Jahre 2005 gab es auf allen Seiten Überlegungen, eine Stiftung für die Open Source-Variante von Mambo einzurichten, um die Existenz und Weiterentwicklung zu sichern.
Im Herbst 2005 wurde auf der Mambo-Projektseite die Gründung einer Mambo-Foundation als Meldung veröffentlicht. Nach positiven Reaktionen in den ersten Stunden stellte sich heraus, dass die Stiftung von Miro in Australien gegründet und das Entwicklerteam nicht in die Gründungsmodalitäten einbezogen wurde. Daraufhin entbrannten heiße Diskussionen in den Foren der Community, und ein paar Tage lang gab es keine Äußerung vom Entwicklerteam.
Nach kurzer Zeit veröffentlichte das Entwicklerteam eine Stellungnahme unter der URL opensourcematters.org und kündigte an, dass es sich vom neutralen Software Freedom Law Center8 beraten lassen und eine Weiterentwicklung von Mambo unter eigener Verantwortung planen würde. Schon damals geisterte die Idee einer verbesserten Mambo- Version mit neuer Quellcode-Basis durch die Foren.
Wie in einer zerrütteten Ehe entwickelte sich schnell ein Rosenkrieg zwischen der von Miro dominierten Mambo-Foundation, der plötzlich das Entwicklungsteam abhanden gekommen war, dem Entwicklungsteam selbst, das natürlich einen neuen Namen für den Fork benötigte, und einer erhitzten internationalen Community von hunderttausenden Benutzern, die sich teilweise mit harten Worten in Blogs, Foren und den jeweiligen Projektseiten beharkten.
Beide Projekte wurden weitergeführt. Der Fork wurde Joomla! genannt.
Das Joomla!-Team legte einen sehr großen Wert auf die Einhaltung von demokratischen Regeln. Das neue Projekt benötigte ein Logo, und so wurde ein Wettbewerb in der „neuen“ Community ausgerufen. Im neuen Forum hatten sich bis dahin in ein paar Tagen 8.000 Benutzer registriert. Die Vorschläge und die Ergebnisse sind natürlich online zu sehen9.
Die Mambo-Foundation stellte schnell ein neues Entwicklerteam vor.
Am 17.9.2005 wurde die Version 1.0 von Joomla! veröffentlicht.
Aus der Welt der so genannten Third Party-Entwickler, also Programmiergruppen, die Mambo-Komponenten entwickelten, wechselten die Projekte Simpleboard (heute FireBoard), Docman und viele andere schnell zu Joomla! und haben dadurch das Vertrauen in das neue Projekt bekräftigt. Aus der Vorsilbe „mos“, die in vielen Variablen und Begriffen benutzt wurde, wurde schnell „jos“.
Eine ausführliche Zusammenfassung der Ereignisse in englischer Sprache finden Sie im Internet10.
Joomla! gehört zwei Jahre nach seiner Gründung zu den populärsten Open Source-Projekten der Welt.
Allerdings sind in diesen zwei Jahren durch die Neuorganisation viel Zeit mit organisatorischen Grabenkriegen und interkulturellen Mißverständnissen vertan worden.
Das Web 2.0 feierte seine Siegeszüge. Von Benutzern erzeugter Inhalt wurde immer wichtiger. Second Life mit seiner virtuellen Umgebung wurde weltweit bekannt. Die Programmiersprache Ruby und insbesondere Ruby on Rails wurden mehr und mehr zur Entwicklung von Webseiten genutzt. Programmierschnittstellen spielten eine immer größere Rolle.
In diesem Bereich sah und sieht Joomla 1.0.x einfach schon ein bischen alt und grau aus. Es ist zwar nicht am Ende seiner Weiterentwicklungsmöglichkeiten, aber die Benutzer schielten manchmal schon ein wenig traurig auf die Fähigkeiten von Systemen wie Plone, Typo3, Drupal und vielen anderen, die nicht das Problem der schieren Größe und der Umorganisation hatten und die neuen Techniken stetig in ihre Projekte aufnahmen.
Seit zwei Jahren wird Joomla! in der Version 1.0.x nicht wirklich weiterentwickelt, sondern es wurden in erster Linie Sicherheitsupdates mit kleineren Code-Änderungen herausgegeben. Zwei Jahre Wartezeit auf eine neue Version sind kein Aushängeschild für das Projekt. Joomla! wurde in dieser Zeit oft totgesagt, belächelt, und in der Fachpresse erschienen teilweise hämische Artikel über das Thema: „Wie ruiniere ich ein tolles Softwareprojekt?“.
Mit der neuen Version Joomla! 1.5 ist dem Projektteam allerdings in sehr guter Wurf gelungen. Nachdem nun wirklich alles in Forum, Mailing Listen, E-Mail und persönlichen Treffen ausdiskutiert wurde, sieht heute die Zukunft von Joomla! besser aus als je zuvor.
Der Umstieg von der Version 1.0.x auf 1.5.x wird auf der einen Seite noch viel Kraft kosten, da durch den geänderten Quellcode keine vollständige Abwärtskompatibilität besteht. Es wird aber auf der anderen Seite Joomla! endgültig in die Liga der Business-tauglichen Content Management Systeme katapultieren. Die Strategie, aus Joomla! einen Baukasten zu erstellen (Joomla! Framework), mit dem Entwickler an den neuen Entwicklungen teilnehmen können, ist geschickt gewählt und wird sich auszahlen.
Endlich ist es auch möglich, verschiedene Authentifizierungsmethoden zu wählen, barrierefreie Websites in unterschiedlichen Sprachen zu erstellen und an der allgegenwärtigen Mashup-Welle11, die jetzt auch deutlich in die Unternehmen schwappt, teilzunehmen. Auch der Weg zur Komponentenentwicklung in einer Umgebung wie Eclipse ist nun möglich.
Bei der vorhandenen Community-, Entwickler- und Installationsdichte wird Joomla! viele Bereiche dieses Marktes einfach abdecken. Viele Hosting-Provider bieten Joomla! heute schon vorinstalliert ihren Kunden an, und die neue Version 1.5 ist zur Version 1.0.x zumindest so kompatibel, dass es keine ernsthaften Probleme bei einem Umstieg von einfachen Websites geben wird.

 

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